#watch22

Künstlerische Strategien im Datendschungel
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In Zeiten der digitalen Revolution sind Künstler zu Forschern, Erfindern und Technikern geworden. Mit kritischem Blick auf Big Data, Videoüberwachung, Vorratsdatenspeicherung, unlöschbare Internetspuren, Mobilfunkortung und Facebook-Mobbing untersuchen sie den Verlust der Privatheit mit den unterschiedlichsten Strategien. Sie zeigen Möglichkeiten der Tarnung und des Versteckens auf, nutzen dieselben Mittel wie die Überwacher und legen sie damit offen, ironisieren durch Übertreibung, täuschen Überwachung und Vernetzung vor, dokumentieren Fehler und Absurditäten der Datensammlung, oder sie publizieren bislang unbekannte Orte, Methoden und Techniken des “Big Brother” – ob dieser nun die Gestalt von Behörden, Geheimdiensten oder internationalen Konzernen hat.

Der temporäre Ausstellungsraum im 22. Stockwerk des Bonifaziusturms bietet einen großartigen Blick auf die Stadt – unplugged, analog und in Echtzeit.

Kulturprogramm: www.watch22.de
Günter Minas, künstlerischer Leiter der Ausstellung des Essenheimer Kunstverein e. V. unter Schirmherrschaft des Landesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Rheinland-Pfalz, zur Entwicklung der Ausstellung:

„Datenschutz – das ist nicht nur (aber auch) Datensicherheit, sondern vor allem Schutz der Privatsphäre. Der Begriff ist geläufig, aber das Thema scheint trocken und irgendwo zwischen Technologie, Politik und Justiz angesiedelt. NSA und Facebook-Mobbing tauchen in den Schlagzeilen auf, aber der allüberall überwachte und kontrollierte Alltag wird klaglos hingenommen – wer hat schon etwas zu verbergen? »Kunst und Datenschutz?« – im Büro des Landesbeauftragten für Datenschutz entstand die Idee – und wir waren überrascht, wie engagiert und kreativ viele Mitveranstalter eingestiegen sind.

Vier intensive »Datenschutz-Wochen« – mit einer Ausstellung von mehr als 20 spannenden künstlerischen Arbeiten zum Thema und 30 Rahmenveranstaltungen im Ausstellungszeitraum: Lesungen, Konzerte, Schauspiel, Tanz, Vorträge, Workshops, Diskussionen, Filme und ein Fotowettbewerb, von der Präsenz hochrangiger Politiker ganz zu schweigen.

Beobachten, Lauschen, Verstecken
Die Ausstellung nähert sich dem Thema Datenschutz auf vielfältige Weise. Eine jahrzehntelange Überwachungsstation mit Blick auf die DDR, der Teufelsberg in Berlin, von Hartmut Jahn in ihrem heutigen Verfall romantisch fotografiert, steht den inszenierten Fotoarbeiten von Thomas Brenner gegenüber, der sich dem Thema Überwachung metaphorisch nähert.
Florian Mehnert hat »Waldprotokolle« im deutschen Wald, früher einmal Inbegriff idyllischer Heimlichkeit, festgehalten. Noch eine Offenlegung: 2012 wurde das Social Network LinkedIn gehackt und verlor seine User-Database. Aram Bartholl ließ die 4,7 Millionen Passwords im Klartext in einer achtbändigen Buchausgabe ausdrucken, zum Nachschlagen hier bei uns!
Gesichtserkennung, Identifizierung und Datenlöschung: Das demonstrierten Tobias Zimmer und David Ebner in einer Aktion in Trier. Wir zeigen die Dokumentation und die Überreste des Datenmülls. Und wie man sich ganz unkenntlich machen kann, das demonstriert Markus Walenzyk mit seiner Videoarbeit »Waxed«. Ein weiteres Highlight: etwa 20 Original-Karikaturen zum Thema aus dem Haus der Geschichte, Bonn, ergänzt mit Arbeiten vom Mainzer Starkarikaturisten Klaus Wilinski.

Verfremdung, Ironie, Aufklärung
Ob Nora Peters die biometrischen Iris-Fotografien von Ausstellungsbesuchern in Muster für die Strickmaschine übersetzt, Gregor Kuschmirz eine überaus scheue Überwachungskamera konstruiert oder Michael Wolff ganz ohne digitale Technik die menschliche Neugier entlarvt – Ironie ist meistens im Spiel, wenn Künstler sich der Überwachungstechnik annehmen.
Unheimlich sind die Visionen der elektronischen Utopien allemal. Schon 2004 hat der New Yorker Chris Oakley die komplette multidimensionale Echtzeit-Identifizierung aller Einkäufer und Waren in einer Mall visualisiert, damals noch unvorstellbar, und heute? Altmodisch wirkt die Installation von Kevin Röhl und Erik Freydank, nutzt aber modernste Webtechnik so, dass es den Betrachter gruselt. Auf hochtechnologischem Know-How beruhen auch Arbeiten aus der Hochschule Mainz: »Digecy« von Thomas Groh und Marlene Arnold ist ein interaktiver Nachlassrechner für unser digitales Erbe, und in »Insecurities« verdeutlichen Lena Rostami, René Schmitt und Simon Jentsch, welche verborgenen Datenströme das einfache Anwählen einer App auslöst. Manchmal oder leider allzu häufig geht‘s auch schief: Emilio Vavarella, special guest aus New York in der Mainzer Museumsnacht, spürt Fehlern in Google Streetview nach, und Christoph Faulhaber hat erlebt und dokumentiert, was passiert, wenn man die Überwacher überwacht.“

Günter Minas, künstlerischer Leiter der Ausstellung, Essenheimer Kunstverein e. V.


Veranstalter: Essenheimer Kunstverein e.V.
Schirmherr und Mitveranstalter: Der Landesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Rheinland-Pfalz
Künstlerische Leitung: Günter Minas
Idee, Assistenz, Organisation: Gilda Farshidfar, LfDI RLP

Architektur und Technik: Michael Wolff
Helfer: Ida Hattenberger, Matthias Wilm
Grafisches Konzept und Layout: Agentur 42

Veranstaltungspartner: Landtag Rheinland-Pfalz, Ministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, Landeszentrale für politische Bildung RLP, Südwestrundfunk, Haus der Geschichte Bonn, Staatstheater Mainz, Verbraucherzentrale RLP, Heinrich Böll Stiftung, Hochschule Mainz, Fachhochschule Bingen, Westdeutsche ImmobilienBank, Chaos Computer Club, LiteraturBüro Mainz e.V., AG Stadtkino e.V. CinéMayence, Cardabela-Buchladen, Frauenlob-Gymnasium, Rabanus-Maurus-Gymnasium

Mit Arbeiten von Studierenden und Alumni des Fachbereichs Gestaltung der Hochschule Mainz: Lena Rostami, René Schmitt, Simon Jentsch, Thomas Groh, Marlene Arnold (betreut von Prof. Schönecker), Daniela Glatz, Joshua Maciejok, Timon Dangel, Björn Bunke (mit Unterstützung des Instituts für Mediengestaltung), Kevin Röhl, Erik Freydank, Markus Walenzyk, Prof. Hartmut Jahn.

09. 05. – 07. 06. 2015
Bonifaziusturm A, 22. Stock, Rhabanusstraße 3, 55118 Mainz

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